Coaching als professionelle Unterstützung für berufliches Lernen, Leben, Handeln

Vortrag beim Praxisführungskongress der Dt. Ges. f. MKG-Chirurgie, 6.3.2004

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist für mich eine Herausforderung, heute zu Ihnen zu sprechen; eine produktive Herausforderung, für die ich Herrn Dr. Dawirs dankbar bin, weil er mir die Möglichkeit gegeben hat, mein spannendes Arbeitsfeld Ihnen vorzustellen - und eine etwas einschüchternde Herausforderung, weil dieses Feld sonst viel kleiner ist als heute morgen: nämlich meist zwei Personen von Angesicht zu Angesicht.
Gerade deswegen habe ich mir vorgenommen, auf dem größeren Terrain hier bei Ihrem Kongress ebenso zugewandt und offen und freundlich zu Ihnen sprechen wie auch sonst als Coach, wenn ich es mit meinen hoch qualifizierten und hoch motivierten Kunden zu tun habe.

Wie kann ich Ihnen also anschaulich machen, was ein Coach in der MKG-Praxis tut?
Ich erzähle Ihnen aus meinem Erfahrungs-Schatzkästchen. Dabei hoffe ich, dass Sie spüren, was sich da bewegt zwischen mir und dem Kunden.
Ich erzähle Ihnen Beispiele aus dem Alltag - selbstverständlich anonymisiert und unkenntlich gemacht.

Zum Beispiel: Dr. A
Herr Dr. A. ist seit 12 Jahren in seiner Praxis, die er aufgebaut hat und seither erfolgreich leitet, in den letzten vier Jahren mit einem Praxispartner. Seit einiger Zeit leidet er. Etwas diffus schildert er mir im Orientierungsgespräch (das übrigens generell kostenfrei ist), was ihn drückt:
Er will die Praxis vergrößern, umbauen; er will ein neues Konzept für die Praxis. Seine Vision von einem MKG-Kompetenzzentrum geht allerdings nicht so recht vorwärts; er quält sich im Alltag an Kleinigkeiten, ärgert sich über den Partner, dem er viele Patienten zuweist. "Der Kollege zieht einfach nicht", sagt er.
Dr. A. braucht einige Coachingstunden, um heraus zu finden, dass die Partnerschaft sehr ungleichgewichtig ist.
Er ist visionärer Durchsetzer, wesentlich älter, erfahrener als der Kollege. Der andere ist fachlich sehr gut, Perfektionist, aber nicht kreativ, kann auch nicht verkaufen. Also stimmen die Zahlen nicht. Stimmt die Stimmung nicht. Dr. A. leidet.
Im Verlauf des Coachings macht Dr. A. befreiende Entdeckungen. Z.B.: Er ist eigentlich kein Teammensch, findet er heraus.
Er will bestimmen, befehlen. Dann geht es ihm gut. "Ist das OK?", fragt er. Es ist OK. Nicht für jeden ist eine Partnerschaft gut.
Ahnen Sie, wie es weiter geht?
Es geht mit Sorgen weiter, auch mit finanziellen, existentiellen, familiären.
Es geht mit Ängsten weiter, um die Zukunft der Praxis, der Mitarbeiter, der Reputation.
Es geht mit Schmerzen weiter, Trennungsschmerzen, finanziellen, persönlichen - wie bei einer Scheidung.

Und meine Rolle als Coach?
Diesen Prozess habe ich als Forscher begonnen: Ich habe Tatsachen ermittelt, Positionen erfragt. Ich habe sie geordnet und dargestellt. Ich habe Komplexität reduziert, Diffuses geklärt.

Dann war ich Berater und Betreuer:
Dr. A. hat neue Optionen gesucht, ich habe ihn über seine Visionen, sein Leitbild befragt. Und als seine Entscheidung stand - wackelig noch, aber doch deutlich - habe ich ihn unterstützt. Ihm Schutz gegeben. Sein Projekt mit ihm beleuchtet, bearbeitet. Ihn gestärkt.

Dabei hatte ich auch eine therapeutische Aufgabe: Können Sie sich einen Moment in die Seelenlage des Dr. A. versetzen? Sicher wissen Sie auch, wie schwer das ist, einen eingeschlagenen Weg als Holzweg zu erkennen - und zu verlassen? Sie kennen auch die Fragen und Ängste, die bei einer Praxisgründung oder -übernahme aufsteigen. Die Selbstzweifel. Therapie heißt ursprünglich übrigens nichts anderes als "Hilfeleistung" - für die Seele. Als Coach bin ich kein Therapeut. Aber ich habe therapeutisch gearbeitet mit Dr. A., wie ein Seelsorger, wenn Sie so wollen.

Schließlich war ich Starthelfer: Jemand, der schützt und stärkt, Mut macht, Ideen einbringt.

Und in alledem war ich vor allem eins: ich war als Coach der Partner von Dr. A.
Ich war ihm professionell-partnerschaftlich verbunden. Mit einem klaren Vertrag.
Die Balance von Leistung und Belohnung stimmte. Die Augenhöhe war gleich. Ich habe mich ihm in meinen Rollen zur Verfügung gestellt. Mit meinem Können. Mit meiner Anteilnahme. Mit meinem Wissen über Methoden und Strukturen. Im professionellen Prozess des Coachings bildete sich also schon ab, was Dr. A. brauchte: Klarheit in den professionellen Beziehungen.

Was denken Sie, wie Dr. A. heute dasteht? Persönlich und finanziell?
Er schrieb mir: "Wenn mir auch manchmal die Kosten an Energie und Geld schwer gefallen sind, so haben sie sich doch mittlerweile mehr als gelohnt. Ohne Ihren Einsatz wäre ich nicht so weit gekommen."

Zum Beispiel: Frau Dr. B
Frau Dr. B. ruft mich an und erwischt den Anrufbeantworter. Ob ich sie zurück rufen könne?
Ich brauche sieben Anläufe, weil sie auch zu den verabredeten Zeiten nicht zu sprechen ist. Endlich gelingt eine Terminvereinbarung.
Als ich drei Wochen später in der Praxis bin, warte ich 25 Minuten. Wir einigen uns auf ein Orientierungsgespräch von 60 Minuten. Sie nimmt aber nur 30 wahr, weil sie weggerufen wird zu einer OP.
Sehr geehrte Damen und Herren, können Sie sich denken, wie sich die Arbeit zunächst gestaltet hat?
Nun - erst einmal: chaotisch. Wie's losging, so geht's auch weiter: Terminverlegungen, Unpünktlichkeiten, Absagen. Ich lege großen Wert darauf, immer pünktlich zu sein - und ich mache Frau Dr. B. das auch klar. Nach vier Treffen ist sie soweit, die gesamte Zeit in Anspruch zu nehmen, wenn auch mit Unterbrechungen.
Sehr geehrte Damen und Herren, sicher ahnen Sie nun auch, was Frau Dr. B. als Thema benennt: die Länge der Arbeitszeit. "Ich komme einfach zu spät nachhause. Meine Kinder - 16 und 13 - sehen mich kaum noch. Und zuhause habe ich natürlich immer noch Schreibarbeit, und die Notfallbereitschaft; und am Wochenende die Belegbetten."

Wieder ein Blick auf meine Rollen als Coach:
Hier muss ich nicht viel analysieren; ich beginne mit dem Training: Ich bringe in jede Sitzung eine Übung zum Zeitmanagement; gebe Hausaufgaben, kontrolliere, gehe spielerisch ans Thema heran.

Ich bin streckenweise Dozent:
Ich erkläre Zusammenhänge, nenne Literatur, die ich mit ihr diskutiere.

Als das Vertrauen etwas gewachsen ist, werde ich zum Berater:
Frau Dr. B. setzt sich ein realistisches Ziel zur Reduktion von Arbeitszeiten, das ich mit ihr erarbeite und in Teilschritte zerlege.

Als Starthelfer gehe ich die auftretenden Schwierigkeiten mit ihr durch. Ich stoße ihre Veränderungsprozesse an.

Ich stütze und schütze sie - und bin Betreuer bei den Widerständen, die sie in sich und um sich spürt.

Als Coach untersuche ich mit ihr die professionellen Aspekte ihrer Zeitgestaltung. Ich frage nach ihrem ethischen Konzept von Work-Life-Balance. Ich schaue mit Frau Dr. B. auf die Gestaltung ihrer Beziehungen.
Ergebnis: Mittlerweile arbeitet Frau Dr. B. in der Regel 48 Wochenstunden - sie ist an dem Ziel, das sie sich gesetzt hatte.
Methodenvielfalt einerseits, klare Konstanz andererseits: so verlief dieser Coachingprozess.

Zum Beispiel: Dr. C.
Dr. C. engagiert mich für eine Praxisbeobachtung. Nach einem Verfahren, das ich entwickelt habe, beobachte ich an zwei Vor- und Nachmittagen sämtliche Abläufe und Zustände.
Dabei achte ich nicht nur auf Anmutung und Ausstattung der Räume, auf Wartezeiten, den Ton am Telefon, Begrüßung der Patienten und messe unauffällig Zeiten mit der Stoppuhr - ich beobachte vor allem die Beziehungsmuster der behandelnden und verwaltenden Personen.
Es stellt sich heraus, dass bei Dr. C. keine großen Defizite vorhanden sind. Natürlich kann er das Gespräch zur Implantationsberatung in 15 statt in 25 Minuten beenden. Er hat dann alles Wichtige gesagt, ohne sich zu wiederholen.
Natürlich kann er in Zukunft dafür sorgen, dass immer Toilettenpapier im Patienten-WC da ist (Sie glauben nicht, wie oft das fehlt in den Praxen...).
Und natürlich kann auch die neue Auszubildende das Namensschild mit dem Praxis-Logo und etwas gepflegtere Haare tragen.
Aber: ein Problem, ein schwer wiegendes, finde ich nicht.
Was will Dr. C. von mir?
Nach drei, vier Sitzungen, in denen ich mit ihm die Beobachtungen auswerte und Pläne zur Optimierung schmiede, wird mir klar: es geht um etwas anderes als um Klopapier und Wartezeiten.
Dr. C. leistet sich einen Luxus - den Luxus der Reflexion. Er sucht eigentlich - einen Diskurs-Partner. Dieser Partner ist der Coach. Mit mir als Coach reflektiert Dr. C. seinen Arbeitsalltag.

Zuerst bin ich wieder als Forscher unterwegs - Dr. C. nimmt die Forschungsergebnisse auch dankbar an.

Natürlich bin ich auch Berater. Ich schaue mit ihm auf seine betrieblichen Prozesse und Strukturen, frage ihn nach Leitbild und Zielvorstellungen.

Ich finde als Begleiter Wege und Methoden für die Entwicklungsschritte der Praxis hin zu mehr Patientenzufriedenheit, etwa.

Wenn es passt, bin ich in der Rolle des Dozenten, der Konzepte findet und erfindet.

Vor allem aber - als Coach bin ich Partner, externes Gegenüber auf Augenhöhe.
Ich biete ihm Modelle des Verstehens, Konzepte für Reflexion und Handlung.
Dr. C. hat intuitiv gespürt, dass die wirklich professionelle Praxis auf die kritische Reflexion nicht verzichten kann.
Dr. C. hat erkannt, dass regelmäßige, strukturierte Reflexion eine Bedingung für Qualitätssicherung ist.
Dr. C. leistet sich den Luxus, innezuhalten im Betrieb. Glauben Sie mir: auch ihm fällt es nicht leicht, dafür alle vier Wochen einen Termin zu blocken. Glauben Sie ihm: er hat diese kreativen, kritischen Pausen schätzen gelernt.

Zum Beispiel: andere Anlässe für Coaching
Dr. D. will lernen, was eine professionelle Führungskraft ausmacht. Er hat 11 Angestellte - aber das Thema "Personalführung" kam in der Ausbildung nicht vor.
Dr. E. kommt vor lauter einzelnen Verpflichtungen die Vision aus dem Blick, die er einmal hatte, als er anfing.
Frau Dr. F. möchte gern das Zehnjährige ihrer Praxis feiern. Dabei spielt sie mit dem Gedanken an eine schön gedruckte Praxisbroschüre mit allen Leistungen, die im Angebot sind.
Von Dr. Y., der der Klinik den Rücken kehren und sich selbstständig machen will, bis zu Frau Dr. Z., die mit ihrem Praxisteam unzufrieden ist:
In jedem Fall ist der Coach der professionelle Ansprechpartner in der MKG-Praxis.

Jeder Fall ist anders - mein Coaching ist immer individuell angepasst: auf den Kunden maßgeschneidert.
Coaching ist immer eine exklusive Beziehung: ich bin ganz auf den Kunden konzentriert.
Beim Coaching bleibe ich nicht bei theoretischen Problemlösungen; ich arbeite ganz praktisch auf Praxis-Lösungen hin - deswegen ist mein Coaching erfolgreich.
Und zum Schluss: Coaching fordert heraus. Es fordert zu Spitzenleistungen heraus. Außergewöhnliche Leistungen erbringt nämlich nur der MKG-Chirurg, der sowohl an der Sache als auch an sich selbst arbeitet.

Ich hoffe, ich habe Sie neugierig gemacht. Neben dem Coaching "one-to-one" biete ich auch Seminare an: Die nächsten beiden drehen sich um "Work-Life-Balance" und "Kommunikation in der MKG-Praxis". Dort werden Sie hautnah erleben, was Coaching mit Kommunikationskultur bedeutet.
Bitte kommen Sie an meinen Stand. Dort erwartet Sie meine charmante Assistentin und nimmt gern Ihre Bestellung für die Schriftform meines Vortrags auf. Zur Anmeldung für die Seminar (10 % Kongressrabatt bei Anmeldung heute) finden Sie dort Listen. Bitte sprechen Sie mich an, um einen Termin zu finden für ein Orientierungsgespräch in Ihrer Praxis. Ich freue mich auf Sie.

Zum Schluss ein kleines Berufsgeheimnis: als Coach rede ich nicht soviel am Stück wie heute und hier. Deshalb mache ich vor Ende meiner Redezeit Schluss und bin offen für Ihre Fragen. Auch darauf freue ich mich.

(Lit.: W. Vogelauer, (Hg.), Coaching-Praxis, Neuwied 2002)